5 nackte Wahrheiten über die neuen Zölle – und warum die Digitale Transformation jetzt riskant wird

Die weltweite Eskalation von Handelsstreitigkeiten erreicht nun auch die Digitale Transformation im Gesundheitswesen. Was zunächst als wirtschaftspolitische Massnahme erscheint, könnte bald direkte Auswirkungen auf die Patientenversorgung haben – und die Zölle Ihre IT-Strategie auf den Kopf stellen.
Cloud-Computing: Treiber der digitalen Medizin oder Sicherheitsrisiko?
Wer im Gesundheitswesen arbeitet, kennt das Dilemma: Einerseits versprechen Cloud-Lösungen endlich den dringend benötigten Digitalisierungsschub. Mit skalierbarer Rechenleistung aus der Cloud kann die Personaleinsatzplanung optimiert werden, das Spital kann schnell und einfach Telemedizin anbieten oder auch KI-Systeme zur Dokumentation einsetzen. Das im März 2024 in Deutschland in Kraft getretene Digital-Gesetz (DigiG) setzt genau auf diese Technologien, um den Versorgungsalltag in Krankenhäusern zu verbessern. In der Schweiz hingegen fehlt ein vergleichbares Gesetz – stattdessen bremsen kantonale Datenschutzvorgaben vielerorts Cloud-Projekte aus und lassen die digitale Transformation im föderalen Flickenteppich stecken.
Sensible Patientendaten stellen besondere Anforderungen an die Datensicherheit. Ärzte und Kliniken müssen bei der Auswahl von Cloud-Dienstleistern höchste Sorgfalt walten lassen. Die Daten müssen gegen eine ganze Reihe von Risiken abgesichert sein – von unbefugter Vernichtung über technische Fehler bis hin zu Diebstahl oder widerrechtlicher Verwendung. Wie verletzlich unsere digitale Spitalinfrastruktur ist, zeigte der Cyberangriff auf den Schweizer KIS Anbieter Cistec Anfang 2025 – ein Warnschuss für die ganze Branche.
Trumps “Liberation Day”: Der Handelskrieg erreicht neue Dimensionen
In diese komplexe Gemengelage platzt nun die radikale Zollpolitik der Trump-Administration. Ab dem 6. April 2025 belegen die USA Einfuhren aus allen Ländern pauschal mit Zöllen von zehn Prozent. Ab dem 9. April greift ein zusätzlicher Mechanismus, der für viele Länder noch höhere Zölle vorsieht – darunter die EU mit 20 Prozent.
Besonders brisant: Trump hat bereits angekündigt, bald weitere spezifische Strafmassnahmen für bestimmte Produktgruppen zu verhängen, explizit genannt wurden dabei Halbleiter, Arzneimittel und kritische Mineralien. Damit rücken genau jene Komponenten ins Visier, die für die digitale Transformation im Gesundheitswesen unerlässlich sind.
Digitale Dienstleistungen als nächstes Schlachtfeld
Die EU bereitet unterdessen ihre Gegenmassnahmen vor. Neben klassischen Zöllen auf Bourbon-Whiskey, Spielkonsolen und Motorräder steht nun eine völlig neue Idee im Raum: Zölle auf digitale Dienstleistungen aus den USA.
Zölle auf digitale Dienstleistungen, bei denen die USA ein grosses Marktinteresse an der EU haben, sollten auf den Tisch kommen
Frankreich hat vorgeschlagen, die Angebote der US-Techgiganten Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft (GAFAM) mit Zöllen zu belegen, wenn sie in der EU genutzt werden. “Zölle auf digitale Dienstleistungen, bei denen die USA ein grosses Marktinteresse an der EU haben, sollten auf den Tisch kommen”, fordert auch Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im Europäischen Parlament.
Die Begründung klingt einleuchtend: “Amerikanische Digitalunternehmen haben in Europa mehr Kunden als die USA Einwohner haben.” Deutschland scheint diesen Plan nach Aussagen von Wirtschaftsminister Habeck zu unterstützen.
Trump hatte jedoch bereits im Februar 2025 mit Gegenmassnahmen gedroht, falls die EU Zölle auf digitale Dienstleistungen verhängen sollte. Eine gefährliche Eskalationsspirale droht.

Was bedeutet das für Ihre Digitalisierungsstrategie?
Für Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen zeichnet sich ein perfekter Sturm ab:
Explodierende Hardware-Kosten: Zölle auf Halbleiter und Computerkomponenten werden die ohnehin hohen Preise für Server, Speichersysteme und medizinische Geräte weiter in die Höhe treiben. Angesichts der angespannten finanziellen Lage vieler Kliniken eine düstere Perspektive.
Teurere Cloud-Dienste: Falls die EU tatsächlich Zölle auf digitale Dienstleistungen einführt, werden Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud ihre Preise anpassen müssen. US-Gegenzölle könnten europäische Cloud-Alternativen ebenfalls verteuern.
Verzögerte Digitalisierungsprojekte: Steigende Kosten werden viele geplante Digitalisierungsvorhaben verzögern oder ganz auf Eis legen – ausgerechnet in einer Zeit, in der das Gesundheitssystem den digitalen Wandel dringend braucht, um effizienter zu werden.
Folgen für Patienten: Am Ende leiden die Patienten, wenn die Einführung der elektronischen Patientenakte stockt, Telemedizin-Angebote nicht ausgebaut werden können oder KI-gestützte Diagnosesysteme unbezahlbar werden.
Die 2023 beschlossenen Gesetze zur Beschleunigung der Digitalisierung im Gesundheitswesen und zur besseren Nutzung von Gesundheitsdaten drohen ins Leere zu laufen, wenn die notwendige technische Infrastruktur durch Zölle massiv verteuert wird.
Europäische Cloud-Alternativen: Eine Frage der digitalen Souveränität
Der Handelskonflikt könnte die Diskussion um die digitale Souveränität Europas neu befeuern. Europäische Cloud-Initiativen wie Gaia-X könnten an Bedeutung gewinnen – nicht nur aus Datenschutzgründen, sondern auch als Absicherung gegen geopolitische Risiken.
Doch ist Europa tatsächlich bereit, diese Herausforderung anzunehmen? Bislang dominieren US-Anbieter den Cloud-Markt, und europäische Alternativen hinken bei Funktionsumfang und Skalierbarkeit oft hinterher. Die Aufholjagd würde Jahre dauern und Milliarden verschlingen.
Zwischen Sicherheit und Innovation: Was tun?
Für Entscheider im Gesundheitswesen stellt sich nun die Frage: Wie navigieren wir durch dieses Minenfeld?
Risikoanalyse erstellen: Welche Ihrer Digitalisierungsprojekte sind besonders anfällig für zollbedingte Kostensteigerungen? Wo liegen kritische Abhängigkeiten von US-Anbietern?
Hybrid-Strategie entwickeln: Eine Kombination aus lokalen Lösungen für hochsensible Daten und Cloud-Diensten für weniger kritische Anwendungen könnte ein pragmatischer Ansatz sein.
Langfristige Verträge prüfen: Wer jetzt noch günstige Konditionen mit Cloud-Anbietern aushandeln kann, sollte das tun – bevor mögliche Zölle die Preise in die Höhe treiben.
Europäische Alternativen sondieren: Gibt es wettbewerbsfähige europäische Anbieter in Ihrem Bereich? Diese könnten von Zöllen auf US-Dienste profitieren und eine strategische Option darstellen.
Politisches Engagement: Die Gesundheitsbranche sollte ihre Stimme erheben und auf die potenziell verheerenden Folgen eines Handelskriegs für die Digitalisierung des Gesundheitswesens hinweisen.
Fazit: Kein einfacher Weg nach vorn
Die digitale Transformation im Gesundheitswesen steht vor einer Bewährungsprobe. Der Handelskrieg zwischen den USA und der EU bedroht nicht nur die Fortschritte bei der Digitalen Transformation, sondern könnte auch die ohnehin angespannte finanzielle Situation vieler Gesundheitseinrichtungen weiter verschärfen.
Sind internationale Cloudanbieter ein Sicherheitsrisiko oder unverzichtbar?
Die Frage “Sind internationale Cloudanbieter ein Sicherheitsrisiko oder unverzichtbar?” erhält eine neue Dimension. Neben Datenschutz- und Sicherheitsaspekten müssen nun auch geopolitische Risiken und Kostenentwicklungen in die Gleichung einbezogen werden.
Eines ist klar: Der einfache Weg zu digitalen Lösungen ist vorerst verbaut. Gesundheitseinrichtungen müssen ihre Digitalisierungsstrategien überdenken und anpassen – mit Blick auf Datensicherheit, Kosten und geopolitische Abhängigkeiten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Politik einen Ausweg aus der Eskalationsspirale findet oder ob wir uns auf eine längere Phase der Unsicherheit und steigender Kosten einstellen müssen.
Für die Patienten und das Gesundheitssystem steht viel auf dem Spiel. Denn ohne bezahlbare digitale Lösungen wird die dringend benötigte Modernisierung des Gesundheitswesens ins Stocken geraten – mit allen negativen Folgen für Effizienz, Qualität und Zugänglichkeit der Versorgung.